Warum Lenin nur ein Sakko trägt

oder Reise in meine sozialistische Kindheit.

Unsere kleine Reisegruppe beschloss mit mir nach Polazk zu fahren, um eine der ältesten Städte der alten Kiewer Rus zu besichtigen. In Polazk bin ich geboren, meine ganze Kindheit verbrachte ich in Nawapolazk, und in Minsk habe ich studiert und bin unzählige Male mit dem Zug zum Studium gefahren.

Minsker Bahnhof
Seit damals habe ich den Minsker Bahnhof nicht mehr von innen gesehen, in diesen Jahren wurde er ganz modern umgebaut. Modern heißt aber nicht, dass man den Koffer überall rollen kann, und das war meine größte Sorge – wie ich mit meinen 2 Koffern zum Bahnsteig komme. Ich hörte, es gäbe nur Rampen (пандусы), keine Rolltreppen oder Fahrstühle. Tatsächlich musste ich meine Koffer über ein paar solcher Rampen vom Taxistand in die Fussgängerünterführung schieben. Jedoch unten gab es tatsächlich einen Fahrstuhl, der uns nach oben in die Bahnhofshalle brachte.

Ich war ganz schön überrascht von der Aussischt:P1080224

und von den Wegen, die zu den Bahnsteigen führten – ganz bequeme geneigte Fahrbänder, auf denen ich meine zwei Koffer überhaupt nicht bewegen musste:20181027_17161820181027_171917

Die Reise konnte beginnen! Der Zug sieht nicht nur so neu aus, er ist auch sehr komfortabel, und fährt die Strecke Minsk-Polazk nur noch in 3,5 bzw. 4 Stunden, im Gegensatz zu meiner Studienzeit vor 30 Jahren – damals musste ich 6,5 bzw. 8 Stunden im Liegewagen leiden! Zum Glück ändern sich die Zeiten, wenn auch nicht überall.

In Polazk haben meine Freundinnen eine Stadtführung gemacht, die Fotos von Polozk ähneln unseren von letzten Jahr (hier mein Beitrag Polazk 2017), deswegen  hier nur ein

Abriss zur Polazker Geschichte:
Polazk wurde im Jahre 862 erstmalig urkundlich erwähnt. Im 10. -12. Jh. wurde das Fürstentum Polazk eines der Machtzentren in der Kiewer Rus.  Ende des 14. Jahrhunderts wurde Polazk Teil des Großfürstentums Litauen, später im 16. Jh. – Teil der königlichen Republik Rzeczpospolita (Polen-Litauen) und nach der Teilung Polens im 18. Jh. – Teil des Russischen Imperiums. Heute gehört Polazk zu Republik Belarus.

Und hier befindet sich das geografische Zentrum Europas. Glaubt ihr nicht?
Hier ist der Beweis:

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Besuch des Erlöser-Euphrosyne-Klosters
Der Besuch der Klosteranlage ist für mich mitlerweile obligatorisch – die mittelalterlichen Fresken sind wirklich einmalig und für mich das Allerschönste, was man in Polazk sehen kann. Das wollte ich meinen Freundinnen natürlich nicht vorenthalten.

Die Fresken aus dem 12. Jahrhundert gehören zu den wenigen Kunstschätzen, die im Land geblieben sind – die meisten Schätze, die nicht niet- und nagelfest waren, wurden außer Landes gebracht. Die Fresken werden immer noch freigelegt und man bekommt sie teilweise zu sehen. Die Malereien aus dem 18. Jahrhundert, die darüber lag, werden sorgfälltig auf einen neuen Untergrund! übertragen und in der Polazker Gemäldegalerie ausgestellt. Eine faszinierende Arbeit und Geschichte!

Ich habe gelesen, dass Polazk den Antrag  stellen möchte, die Klosteranlage in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufnehmen zu lassen. Es wird wirklich Zeit!

Um eine orthodoxe Kirche oder ein Kloster zu besichtigen, sollen Frauen unbedingt den Kopf bedecken, am besten mit einem Tuch/Schal (Mütze und Kaputze gehen auch zur Not) und einen Rock tragen. Der Rock ist nicht immer Pflicht – dort wo es streng genommen wird, gibt es meistens Kleiderständer mit entsprechenden Utensilien, so wie hier vor dem Eingang zum Kloster:

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Vor der Besichtigung:

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Nach der Besichtigung:

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Die Fresken darf man nicht fotografieren, deswegen
hier die Website des Erlöser-Euphrosyne-Kloster (nur in Russisch)

Neben der Klosteranlage gibt es ein Café, in dem von den Nonnen gebackene leckere Kekse und Kuchen verkauft werden – lassen Sie sich diese Köstlichkeiten auf keinen Fall entgehen 😀 !

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Die Gemäldegalerie
Dieses Kleinod habe ich zum ersten Mal besucht, schon ohne meine deutschen Freundinnen, dafür aber mit meiner Mama. Eine ausführliche Führung durch die Räume mit der Leiterin Larissa Lysenko war ein Hochgenuss, kann ich meinen russischsprachigen Freunden wärmstens empfehlen! Leider wird die Galerie nicht so gut besucht, wie die Sophien-Kathedrale oder andere Sehenswürdigkeiten in Polazk, was sehr schade ist. Ich kam eigentlich nur wegen der Wandmalereien aus dem Kloster, fand aber auch die Austellung mit belarussischen Bildern überraschenderweise sehr interessant.

Hier die offizielle Seite in Englich

Der Eingang ist links neben der Universität:

Die Ausstellung zu den Fresken und den abgetragenen Wandmalereien aus dem 18. Jh. ist sehr informativ aufgebaut – mit verschiebbaren Wänden und interaktiven Ständen:

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Ganz süß fand ich die belarussische religiöse Malerei, zum Teil richtig naiv, dennoch sehenswert. Davon habe ich leider keine Fotos gemacht, weil die Führung so interessant war. Hier ist eine Kopie von der Ikone Gottesmutter von Ephesus aus dem 12. Jh., die von den Nonnen des Erlöser-Euphrosyne-Klosters 2014 angefertigt wurde:

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In der orthodoxen Ikonographie sieht man oft Ikonen mit Beschlag (оклад) – früher verdeckten Beschläge nur den Hintergrund der Ikone, der Heilige/die Heilige selbst war vollständig sichtbar, später blieben nur die Gesichter und die Hände der Heiligen zu sehen. Die meisten Beschläge bestehen aus Metall und Holz, manche werden reich mit Edelsteinen geschmückt. Der im Kerzenschein schimmernde Beschlag soll das immaterielle Licht symbolisieren, in dem die Heiligen wohnen. Außerdem haben Beschläge auch eine schützende Funktion – so wird die Ikone nicht direkt angefasst und bleibt besser erhalten.

Der Streifzug durch die belarussische Kunst des 20. Jahhunderts versetzte uns wieder in die Sowjetische Zeit. Es ist schon erstaunlich, wie Künstler mit der Tatsache umgegangen sind, dass sie nicht immer das malen konnten, was sie wollten. Damals stellte ich mir solche Fragen nicht, vielleicht lag es an meinem jugendlichen Alter – ich war etwas über 20, als sich die Sowjetunion auflöste. Heute ist man beim Betrachten der Bilder versucht, vielleicht mehr hinein zu interpretieren, als der Künstler damals dachte…  oder auch nicht? Entscheidet selbst, was uns der Künstler hier mit diesem roten Fisch im Netz sagen wollte:P1080302

Zu Pferde sitzen in sozialistischen Bildern selbstverständlich keine Könige oder Fürsten, sondern die arbeitende Bevölkerung, wie z.B. hier – Der Brigadier von der Kolchose (dem landwirtschaftlichen sozialistischen Großbetrieb) von Gantcharou V.A., 1960-er:P1080307-001

Oder die Bäuerin – Rückkehr von der Arbeit von Glebov A.K., 1957:P1080312-001

„Linientreu“ oder nicht – erstaunlicherweise fand ich an vielen Kunstwerken in dieser Ausstellung Gefallen, denn kultur-historisch sind diese Werke allemal interessant.
Hier folgt noch eine bunte Mischung:

Rote Lichtung von Malishevsky A.A., 1965:

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Weite im Frühling von Bushchik N.W., 1997: P1080353

Der Traum von S.S. Katkova, 1990:P1080361

Das Ewige, von einer bekannten Künstlerin Nelly Schasnaya,  1980 gemalt stellt den Białowieża-Urwald dar – ein Naturschutzgebiet, in dem heute noch Wisente leben, eines der letzten Urwaldgebiete in Europa, teils in Polen, teils in Belarus gelegen:

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Aus dem 20. Jahrhundert gab es viele Bilder über Polazk. Meine Mutter hatte sichtlich Spaß, sie zu entziffern – sie kam 1960 aus einem kleinen Dorf nach Polazk, um eine Lehre anzufangen, und kannte noch vieles so, wie es dargestellt war.

A.I. Taukach, Alter Polazk, 1961:

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A.S. Korshenevski, Polazker Ölraffinerie, 1963:

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An dem Bild der Ölraffinerie bin ich hängen geblieben. Plötzlich stand ich wieder an der Wiege meiner eigenen Geschichte.

Nawapolazk
1958 verabschiedete die Regierung der UdSSR einen Beschluss über ein Allunions-Komsomol-Bau-Stoßobjekt – „den Bau des größten Industriekomplexes Europas am linken Ufer der West-Dvina“.  Nah am wichtigen Verkehrsknotenpunkt Polazk und in der Nähe der westlichen Grenzen sollte eine große Ölraffinerie entstehen.

Zu den Allunions-Komsomol-Bau-Stoßobjekten wurden in der UdSSR einige wichtige Bauten des 20. Jahrhunderts erklärt. Das bekannteste Projekt war die BAM – Baikal-Amur-Magistrale, die Entlastungsstrecke zur Transsibirischen Eisenbahn, die sich über ca. 4000 km erstreckt.

Es waren Wirtschaftobjekte unter der Schirmherrschaft von Kommunistischen Jugendverband des Leninschen Komsomol , an denen nur Vertreter des „fortgeschrittenen Teils der Gesellschaft“  mitwirken durften – pflichtbewusste Kommunisten, Komsomol-Mitglieder und „positiv aufgefallene“ Parteilose. Die sogenannten Baustoßbrigaden bestanden aus jungen Menschen unter 28 Jahren, die aus weit entfernten Gebieten der Sowjetunion kamen.

Um die Arbeiter unterzubrungen, baute man neben Polazk eine neue Stadt – Navapolazk („neues Polazk“), wo auch meine Eltern nach meiner Geburt hingezogen sind, weil sie an dieser Raffinerie (wahrscheinlich als „positiv aufgefallene“ Parteilose) Arbeit fanden.

Die Ölraffinerie wurde 1963 in Betrieb genommen und ist heute noch eine der größten Erdölraffinerien Europas. 2002 wurde die Raffinerie zur Offenen Aktiengesellschaft „Naftan“, die 70 % der Erzeugnisse (hauptsächlich Mineralölprodukte) in die GUS-Staaten und die EU exportiert. Der staatliche Anteil am Kapital dieser Aktiengesellschaft beträgt 99,83 %. Sozialismus und die Plannwirtschaft lassen grüßen.

Lenin
Auch Lenin grüßt immer noch in Polazk. Zwei Mal als Denkmal, und eine Straße trägt auch noch seinen Namen. In Polazk erzählt man folgenden Witz:

Frage: Wo ist es in Polazk wärmer, am Bahnhof oder in der Innenstadt?
Antwort: In der Innenstadt. Dort trägt Lenin nur ein Sakko, am Bahnhof aber einen Mantel.

Das Denkmal auf dem Skaryna-Prospekt – dort, wo es wärmer ist 😉 :

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Hier im geografischen Zentrum Europas findet sich eben alles – Kirchen und Klöster, moderne Züge und auch Lenin.

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