Was ich schon immer über Polazk wissen wollte

Русскоязычная версия этого поста здесь:  О Полоцке

 Wer die Vergangenheit nicht kennt…

Schon bei meiner letzten Reise 2016 habe ich Polazk besucht. Ein Jahr später kam ich mit meiner deutsch-belarussischen Familie. Wir sind nach Belarus auf Spurensuche gefahren, wollten mehr über die Geschichte des Landes, aber auch über die Familiengeschichte erfahren. Es war eine bewegende Reise für uns alle. Vielleicht schreibe ich später über diesen personlichen Teil unserer Reise, in diesem Beitrag möchte ich euch über Polazk und seine Geschichte erzählen.

Hier ist eine Karte von Belarus, Polazk findet man oben im Norden als Polatsk geschrieben http://www.weltkarte1.com/karte/weisrussland/polack-karte.asp

Polozk (in Belarussisch – Polazk) ist eine der ältesten Städte der alten Rus neben Nowgorod und Kiew.  Schon im 8. Jahrhunder siedelte sich hier ein ostslavischer Stamm  Kriwitschi  an, auf dem Weg von den Warägern zu den Griechen, wie es heißt.

Die Handelsroute verband die Ostsee mit dem Bysantinischen Reich und führte über die Wasserwege Osteuropas, unter anderem auch am Fluß Westliche Dwina entlang. Dort, wo in Westdwina (Dvina ist die latinisierte Form des deutschen Namens Düna) der Fluß Polota mündet, wurde die Stadt gegründet und 862 das erste Mal erwähnt. Heute kann man diese sehr hübsche Stelle von einer Brücke sehen:

Polota gab der Stadt den Namen „Polozk“.

Polozk war das Zentrum eines der ältesten und mächtigsten ostslawischen Fürstentümer, das von einer unabhängigen Fürstendynastie regiert wurde. Zu seiner Blütezeit im 11. Jahrhunder konkurrierte es mit der Kiewer Rus und konnte seine Unabhängigkeit bewahren.

Während der Herrschaft von Vseslav dem Zauberer (1044- 1101), von dem man erzählt, er konnte sich in Tiere verwandeln, wurde in der Stadt auf der Oberen Burg die Sophienkathedrale errichtet – in Anlehnung an Hagia Sophia in Konstantinopel. Dies war die dritte Kirche dieser Art nach der Kiewer und Novgoroder Sophia.

Polazker Sophia wurde im byzantinischen Kreuzkuppelstil erbaut und ist ein Beispiel der Polazker Architekturschule.

Auf dem Model hier sieht man wie die Sophienkathedrale im 11. Jahrhundert aussah:

Leider ist von der ursprünglichen Form nichts mehr zu sehen. Während des Nordischen Krieges (1700-1721), nachdem Polazk von russischen Truppen besetzt war, wurde die Sophienkathedrale in ein Militärdepot umgewandelt, in dem man Schießpulver aufbewahrte. Durch die Explosion 1710 wurde die Kathedrale fast vollständig zerstört. In den Jahren 1738-1750 wurde die Sophienkathedrale vom Architekten Jan Glaubitz im Stil des Wilnaer Barock umgebaut. So ist sie bis heute geblieben:

Hier an der Außenwand rechts kann man ein interessantes Detail sehen – Plinpha – flaches Backstein, oft im Wechsel mit Feldsteinen gelegt, charakteristisch für Steinbauten im alten Rom, Byzanz und der alten Rus:

Heute ist die Sophienkathedrale ein Museum für Geschichte und Architektur, in dem man auch Orgel- und andere Konzerte hören kann:

Die Rücklehne der Bänke kann man umklappen, je nachdem, wo die Musik gespielt wird:

Neben der Sophienkathedrale befindet sich ein Schriftdenkmal des 12. Jahrhunderts – ein Felsblock mit einem Umfang von 8 Metern, der sogenannte Borisow-Stein, davon gibt es vier. Diesen schweren Stein hat man erst 1981 aus der Dwina gehoben. Darauf ist ein Kreuz abgebildet und eine Inschrift in der altslawischen Sprache: „Herr helfe deinem Diener Boris“. Man geht davon aus, dass es sich hierbei um Polazker Fürsten Boris Vseslavich handelt, der am Anfang des 12. Jahrhunderts regierte. Da der Fürst Boris lange tot ist, hilft der Stein heute dem gemeinen Volk – man soll drei Finger in die Löcher im Stein stecken, sich etwas wünschen und drei mal um den Stein herum rennen. Mein Wunsch ging in Erfühlung 🙂

Im 12. Jahrhundert im Keller der Sophienkathedrale hatte die Enkelin von Vseslav dem Zauberer, Euphrosyne von Polazk ihre Zelle. Sie beschloss schon mit 12 Jahren Nonne zu werden und schrieb damals religiöse Bücher für die Bibliothek der Sophienkathedrale ab. Später gründete sie ein Frauenkloster mit einer der ersten Mädchenschulen im alten Rus, später ein Männerkloster, beide wurden zu Kulturzentren in Polazker Fürstentum. Im Auftrag von Euphrosyne von Polazk wurde vom Architekten Ioann nur in 30 Wochen die Kirche des Heiligen Erlösers erbaut, die heute ihren Namen trägt. Die Kirche wurde viele Male umgebaut und umgestaltet, glücklicherweise sind die Fresken mit Darstellungen von Heiligen unter vielen Schichten erhalten geblieben und sind zum großen Teil schon freigelegt. 

Ein Denkmal für die erste Schutzheilige der Belarussen steht auf dem Platz der Freiheit:dsc_7716

In der rechten Hand hält sie die wertvollste nationale Reliquie der Belarussen – das Altarkreuz, das sie für die Erlöserkirche in Auftrag gegeben hat und das ihren Namen trägt. Lasar Bogscha fertigte es 1161 aus Zypressenholz, Gold und Silber an. Das wertvolle Kreuz mit Edelsteinen und Reliquien sollte immer im Kloster in Polazk bleiben – demjenigen, der es rausträgt, würde es Unglück und Fluch bringen. Doch schon 1222 nahmen Smolensker Eroberer das Kreuz mit nach Smolensk, aus Smolensk brachte der Moskauer Fürst Vasily III (der Vater von Iwan der Schrecklichen) das Kreuz nach Moskau, wo es in der Schatzkammer des Zaren landete. Iwan der Schreckliche glaubte an die Macht des Kreuzes und nahm es 1563 mit, um Polazk zu erobern. Er versprach, wenn diese Reliquie ihm hilft, wird er das Kreuz an Polazk zurück geben, und hielt das Wort. Das Kreuz hatte auch danach eine bewegende Geschichte – bis es nach dem zweiten Weltkrieg endgültig verschwand. Neben dem Bernsteinzimmer gehört es zu 10 wertvollsten verschwundenen Kunstwerken. Für das Euphrosyne-Erlöser-Kloster wurde 1997 eine Replik angefertigt, zu sehen ist das Kreuz nur an sonntäglichen Gottesdiensten und kirchlichen Feiertagen. Ich habe es nicht gesehen.

Das Bild aus der Ausgabe „Belarus und Litauen“, 1889 (s. Wikipedia):

Euphrosyne von Polazk starb in Jerusalem, ihre Gebeine wurden in das Kiewer Höhlenkloster gebracht, und 1910 kamen sie nach Polazk. Seitdem werden sie in der Heilig-Kreuz-Kathedrale des Klosters aufbewahrt und als Reliquien angebetet.

Das Euphrosyne-Erlöser-Kloster ist unbedingt sehenswert!!! Eine Führung (leider nur in Russisch und Belarussisch, wenn man viel Glück hat – in Englisch) machen die Nonnen nach Voranmeldung kostenlos mit dem Hinweis auf die vielen Spendeboxen. Kopftücher und Wickelröcke (für Frauen obligatorisch) bekommt man vor dem Eingang. Fotografieren ist nur draußen erlaubt, so kann ich euch die Fresken aus dem 12. Jahrhundert nicht zeigen, nur ein Bild, was draußen nachgemalt ist, damit man überhaupt eine Vorstellung hat:

Im 12. Jahrhundert war es mit der Blütezeit des Polazker Fürstentums vorbei. Es wurde unter den Söhnen von Vseslav aufgeteilt, die geschwächten Gebiete wurden zu leichten Beute für Fürsten aus Nowgorod, Smolensk, Tschernigow und Kiew. Andererseits bedrohten die Kreuzfahrer das Polazker Fürstentum. Interessanterweise erlaubte im 13. Jahrhudert der Polazker Fürst Wladimir den deutschen Kreuzrittern auf damals seinen Territorien die Stadt Riga zu Missionierung von Livland zu gründen (Livland entspicht in etwa den heutigen Estland und Lettland). Die deutsche Expansion begann, Wladimir musste gegen die Kreuzritter kämpfen, konnte sie aber nicht stoppen, da sie einen zuverlässigen Nachschub aus Europa hatten.

Auf der Suche nach neuen Bündnissen im Kampf gegen die Kreuzritter unterzeichneten Polazker Fürsten 1265 eine Vereinbarung über die Vereiniging polozker und litauischer Länder. Sie behielten viele Privilegien und Autonomie, dennoch war dies das Ende der Selbstständigkeit des Polazker Fürstentums. Die Restgebiete unterstellten sich 1307 dem Großfürstentum Litauen, von dem sie sich Schutz gegen die Kreuzritter und gegen die Goldene Horde versprachen. Für Polazk kam die sogenannte „litauische Periode“.
Die Goldene Horde unterwarf einen großen Teil der Rus, machte mehrere Anläufe Richtung heutigen Belarus, gab aber 1362 nach der Schlacht an den Blauen Gewässern gegen die Armee von Olgerd, dem Großfüsten Litauens, auf.

So lautet eine mögliche Erklärung, warum Belarus – Weißrussland – „weiße Rus“ heißen soll: die Einwohner dieser Territorien sollen hellere Haare und Augen haben im Vergleich zu denen, die in Russland über 240 Jahre unter der Besatzung der Goldener Horde lebten.

Im Großfürstentum Litauen bekam die Stadt 1498 das Magdeburger Recht verliehen. Die Einwohner verteidigten ihre traditionellen Rechte auf Selbstverwaltung und ließen sich von der Obrigkeit wenig sagen. Die Gouverneure in Polazk durften nur mit Zustimmung der Polazker Bojaren und der Stadtbewohner ernannt werden, die Bewohner unterstanden nur dem Stadtgericht. Es gab zwei Bürgermeister – einen Orthodoxen und einen Katholischen. Die Handelsbeziehungen blühten, die Stadt wurde zur zweitreichsten Stadt im Großfürstentum nach Wilna (Hauptstadt, heute Vilnius)!

Damals wohnte in Polazk Franzysk Skaryna – ein Gelehrter und Aufklärer, der „der Vater des osteuropäischen Buchdruckes“ genannt wird. Noch vor Luther übersetze Skaryna die Bibel in eine Volkssprache – Altbelarussisch (auch Altukrainisch, Westrussisch oder Ruthenisch genannt)

Franzysk Skaryna wurde um 1490 (?) in Polazk geboren, wohl in einer orthodoxen Familie, trug aber einen katholischen Namen, vielleicht um in eine katholische Schule (des Polazker Bernhardiner Klosters) aufgenommen zu werden? Er studierte die freien Künste an der damals sehr angesehenen Krakower Universität, machte seinen Magister und legte extern eine Prüfung als Arzt an der Universität in Padua ab. In Prag, wo er hinzog, gründete er mit Unterstützung von Polazker und Vilnaer Mäzenen eine Druckerei und veröffentliche 1517 den Psalter und weitere 23 Bibelbücher mit Illustrationen in Atbelarussisch. Die Bücher erhielten auch Vorworte und Kommentare des Autors, die den „gemeinen Leuten“ helfen sollten, den Inhalt besser zu verstehen. Es waren die ersten Publikation in der Geschichte des ostslawischen Buchdrucks. 

In den frühen 1520er Jahren zog Francysk Skaryna nach Wilna und eröffnete die erste Druckerei im Großfürstentums Litauen. Hier erschien „Das kleine Reisebuch“, das für Reisende gedacht war und 18 Kirchenbücher mit schönen Gravuren, Einführungen und Initialen umfasste.  

Ein Museum in Polazk zeigt die Geschichte des Buckdruckes in Belarus http://book.polotsk.museum.by/node/3523

Leider sind hier größtenteils Kopien ausgegestellt, aber auch unter ihnen habe ich interessante Entdeckungen gemacht, z.B. könnt ihr hier links oben Leviten lesen 🙂

Dieses Jahr hatte ich aber Glück – anläßlich der 500-Jahre belarussischer Buckdrucks-Feier wurde ein Original ausgestellt – das schon oben erwähnte „Das kleine Reisebuch“:

Ein Original zu sehen ist etwas vollkommen anderes, als eine Kopie, von ihm geht etwas unfassbares aus, als ob sich ein Zeitfenster in die Vergangenheit öffnet und man diese Zeiten spüren kann, verrückt, nicht?

Im Museum werden verschiedene Sachen gezeigt, Buchdeckel, Werkzeuge:

Und hier kommt die Presse:

Wusstet ihr, das das Wort „Presse“ im Sinne der Druckmedien von der „Buchpresse“ kommt? 

Im Buchdruckmuseum  kann man auch die Museumsbibliothek von Simeon Polozki sehen. Das ist eine im westeuropäischen Stil nachgebaute Bibliothek mit dem größten in Belarus Globus, in der das Leben des Gelehrten aus dem 17. Jahrhunder geschildert wird und einige Originale seiner Bücher aufbewahrt werden:

Hier sind die modernen Zeiten angekommen – als wir dort ein Foto machen wollten, mussten wir einen kurzen Moment warten, denn in diesem Saal fand gerade ein Hochzeit-Fotoshooting statt! Im Museum!
Aber warum auch nicht, früher hat man nach der Trauung nur an die Gräber Blumen niedergelegt…

Ein Denkmal für Simeon Polozki findet man auf dem gemütlichen Fußgängerteil des Franzysk-Skaryna-Prospekts (Prospekt bedeutet breite mehrspurige Straße, hier werden die Gegenspuren aber durch eine bepflanzte Fußgengerzone getrennt):

Zur Zeiten von Franzysk Skaryna gehörten dem Großfürstentum Litauen das ganze heutige Belarus, Teile Russlands, Ukraine und fast ganz Litauen. Die litauische Sprache hatte damals noch keine Grammatik und keine Schrift. Die Amtssprache war bis Ende des 17. Jahrhunderts Altbelarussisch (Altukrainisch, Westrussisch oder Ruthenisch). Es ist die Sprache, die in belarussischen Länder gesprochen und in der alle Gesetzte des Großfürstentums Litauen geschrieben wurden. Der 1. Statut wurde 1529 gedruckt, und in Polazk sagt man, dass die erste Verfassung Europas 1529 in altbelarussischer Sprache gedruckt wurde, eben dieses Statut des Großfürstentums Litauen.

Im Museum kann man leider nur eine Kopie des 3. Statutes vom 1588 sehen:

Anfang des 16. Jahrunderts wurde Polazk mehrmals von Tataren und Moskauer Großfürsten angegriffen, die Stadtbefestigung hielt stand, die Umliegenden Dörfer wurden allerdings mehrmals verwüstet und verbrannt.

Polazk fiel erst im Livonischen Krieg 1563 nach der Belagerung durch die riesige Armee von Iwan dem Schrecklichen (wisst ihr noch – das Altarkreuz von Euphrosyne hat ihm Glück gebracht!) und blieb bis 1579 unter russischer Herrrschaft. Der Wall des Iwan den Schrecklichen, den er aufschütten ließ, findet man heute noch. Das Foto habe ich von der Stelle gemacht, wo das Denkmal von Euphrosyne steht, der Wall ist im Bild rechts neben dem Haus zu sehen:dsc_7717

Der Wall war ein Teil der sogenannten „unteren Burg“ – einer Verteidigungsanlage, die ursprünglich 8 Holztürme und einen Mittelturm hatte. Diese Anlage mit dem 10-Meter hohen Wall nutze der russischen Armee aber nicht viel – 1579 nach nur 20-tägigen Belagerung wurde Polazk von Truppen des polnischen Königs Stefan Batory eingenommen. So endete das erste russische Intermezzo nach 16 Jahren. Polazk wurde Teil der königlichen Republik Rzeczpospolita (Polen-Litauen). Rzecz pospolita bedeutet wortwörtlich gemeinsame Sache.

Schon 1385 wurden Großfürstentum Litauen und Königreich Polen in einer Personalunion zusammengeführt, nun verschmolzen sie 1569 zu einem Staat, der sich zwar Republik nannte, aber von einem Monarchen regiert wurde. Den polnischen Tein nannte man „Korona“ – die Krone, den litauischen, in dem sich Polazk befang – Litwa (Litauen) und die Einwohner dieses Teils nannten sich Litwinen. Viele Familiennamen in Belarus, Ukraine und Russland haben heute diesen Wortstamm – Litwin, Litwinow, Litwinenko wie der russische Nachrichtendienstler, der in London an der Polonium-Vergiftung starb.

Während der russischen Besatzung wurden nach dem Befehl von Iwan dem Schrecklichen alle katholischen Kichen und die Synagogen in der Stadt vernichtet, es blieben nur orthdoxe Kirchen. Juden, die sich nicht haben taufen lassen, wurden in der Westdwina ertränkt. Der polnische König Batory machte alles rückgängig: Er nahm den orthdoxen Kirchen ihre Gotteshäuser und Ländereien ab und übergab sie Katholiken und Jesuiten-Brüdern. 1577 гunterzeichnete er einen Erlass, der den Bau von nichtkatholischen Kirchen und Schulen in Wilna verbot. Das führte zu Spannungen nicht nur in Polozk, sondern im ganzen Land.

Um die zwischenkonfessionelle Spannungen zu verringern wurde 1596  in Brest eine Kirchenunion beschlossen, nach der die orthodoxen Kirchen zu uniaten (griechisch-katholischen) Kirchen wurden. Sie erkannten den Papst als Oberhaupt der Kirche an, behielten aber ihren bysantinisch-orthodoxen Ritus und Liturgie, und dürften den Gottesdienst in ihrer Sprache abhalten. Das war „der belarussische Glaube“, dem schon 30 Jahre später ca. 40 % Einwohner angehörten (35 % dem katholischen und 6 % dem orthodoxen Glauben), zum Ende des 18. Jahrhunderts waren es sogar 70%. Belarussische Historiker glauben, dass der neue Glaube zur Erhaltung der kulturellen und sprachlichen Tradition der Belarussen beigetragen und die Polonisierung verhindert hat.

Die Kirchenunion brachte nicht nur religiöse Versöhnung, sondern auch den Aufschwung in der Bildung – Schulen und Hochschulen von Jesuiten und Uniaten wurden im ganzen Land gegründet, welche Schüler unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit aufnahmen.

So gründeten die Jesuiten 1581 ein Kollegium in Polazk, was 1812 vom russischen Zaren Alexander I zur Akademie erhoben wurde und bis 1820 bestand. Nach der Vertreibung der Jesuiten aus dem Russischen Reich wurde die Polazker Akademie geschlossen, ein Großteil der Bibliothek geplündert und die Überreste den polazker Piaristen übergeben (der Name dieser katholischen Ordensgemeinschaft kommt von ihrer ersten Schule genannt Schola pia Schule der Frömmigkeit“ daher Piaristen). Sie bekamen die Räume von 1822 bis 1830, dann wurden neue Gebäude gebaut und ein Kadettenkorps angesiedelt. In der Sowjetzeit war dort ein Lazarett.

Ich war sehr erstaunt, als ich von Polozker Universität hörte, denn ich kannte nur die Polytechnische Hochschule in Nowopolozk. Sie wurde 1993 in Polazker Universität  umbenannt. Seit 2005 nach der Restaurierung des Lazarett-Gebäude befinden sich hier die historisch-philologische Fakultät und die Fakultät für Informationstechnologien. Ein sehr schöner Anblick anstatt Ruinen, die ich noch kannte:

Die Studenten:

Die Professoren:

Und eine Spieluhr im Innenhof:

Jesiuten eröffneten einen Verlag und eine Druckerei, eine Apotheke und ein Theater und bauten auch einen prächtigen Stephansdom. Zwei große Brände Anfang des 17. Jahrhunderts vernichteten viele Gebäude, beide Burgen (die Obere, dort wo die Sophienkathedrale steht, und die Untere) und die Stadtbefestigung. Die hölzerne Jesuitenkirche wurde aber erst während des Smolensker Kriges 1663  (zwischen Russland und Polen) von den orthodoxen Einwohner abgebaut und als Herrendomizil für den russischen Zaren aufgebaut. Moskauer Truppen bauten die Burgen und die Stadtbefestigung mit Bastionen wieder auf und blieben bis 1667 – das zweite russische Intermezzo von 4 Jahren. Nach dem Vertrag von Andrussowo 1667 blieb Polazk aber in Polen-Litauen.

Die Jesuiten bauten Stephansdom im 18. Jahrhunert als Steinkirche auf. Wie sie aussah, kann man heute an einem Gebäude im Stadtzentrum sehen, das gegenüber dem nicht mehr existierenden Dom steht:

Nachdem Jesuiten 1820 aus dem russischen Imperium vertrieben worden sind, wurde der Dom genauso wie ihr Kollegium erst dem Orden der Piaren und dann der orthdoxen Kirche übergeben. Während der Sowjetzeiten wurde die orthdoxe St.-Nikolaus Kathedrale geschlossen, Teile wurden abgebaut und ein riesiger Stalinporträt aufgehängt. Die Kirche überstand auch die Wirrungen des Zweiten Weltkrieges, wurde aber im Zuge der letzten Welle des sowjetischen Religionskampfes in den 1960-er Jahren gesprengt. Heute steht an dieser Stelle ein Wohnhaus, unter den Einwohnern als „Haus mit Öhrchen bekannt“, hier hinter dem Denkmal:

Im Nordkrieg 1704 wurde die Stadt wieder verwüstet. Peter der Große blieb einen ganzen Monat in der Stadt – es gibt ein Gebäude, was „das Häuschen von Peter I.“ heißt, in dem er wohl nie Halt gemacht hat. Es befindet sich auf der Nischnepokrowskaja Straße, zu der wir später kommen. Warum das Haus so heißt, bleibt ein Rätzel, man vermutet, dass Peters Name von den Jesuiten zugedichtet wurde, um sich mit Katharina II. anzufreunden, die 1780 die Stadt besuchte.

Nach der ersten Teilung der Polnisch-Litauischen Republik Rzeczpospolita 1772 wurde Polazker Stadtteil rechts der Westdwina Teil des russischen Reiches. 20 Jahre später bei der 2. Teilung Polens ging auch der Stadtteil links der Westdwina an das Russische Imperium Dieses russische Intermezzo sollte länger dauern.

Im  Krieg gegen die Napoleonische Armee 1812 wurde die Stadt stark umkämpft, beide Seiten verloren 7000 Soldaten. Die Brücke über Polota wurde vollständig vom Blut bedeckt, seitdem heißt sie Rote Brücke:

Das Foto habe ich letztes Jahr gemacht und sehe gerade, dass der Name Polota in Russisch geschrieben ist (in Belarussisch – Palata). In diesem Jahr war ich überrascht, viele geografische Namen in Belarussisch zu lesen!

Im Jahre 1839  beschloss der Kirchenrat in Polazk die Vereinigung der griechisch-katholischen (uniaten)  und der russisch-orthodoxen Kirchen, 243 Jahre nach der Brester Union endete die Geschichte der „belarussische Kirche“.

Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Polazk 23 Synagogen, 8 Orthodoxe, eine römisch-katholische und eine lutherische Kirche (heute das Heimatmuseum), eine Kapelle der Altgläubigen und ein Männer- und ein Frauenkloster. Es gab mehr als 20 000 Einwohner, über 300 Handwerksbetriebe, ein Lehrer-Seminar, eine Kadettenanstalt, mehrere männliche und weibliche Schulen, ein Krankenhaus, Apotheken, Druckereien.

Nischnepokrowskaja Straße war damals sicher eine der schönsten in der Stadt. Früher hieß sie Große Straße, Ende des 18. Jahrhunderts nannte man sie in Nischnepokrowskaja um – nach einer dort gebauten Kirche, die 2004 wiederaufgebaut wurde:

Zu Sowjetzeiten hieß die Straße Lenin-Straße, 2008 gab man ihr den historischen Namen Nischnepokrowskaja zurück. Hier findet man einige Sehenswürdigkeiten, unter anderem das schon oben erwähnte Haus des Peter I., das ein sehr schönes kleines Museum beherbergt, wo Besuchern gezeigt wird, wie die Straße im 19. Jahrhundert ausgesehen und gelebt hat:

Guckt euch diese wunderschönen Glastüren im Jugendstiel an, ein Augenschmaus!!!

Heute sieht Nischnepokrowskaja Straße so aus:

Bogojawlenski Sobor (Epiphany Kathedrale?):

Hier am Ende der Straße sieht man im Hintergrund wieder die Sophienkathedrale:

Der historische Teil Polozks ist gut zu Fuß zu erkunden, nur das Euphrosyne-Erlöser-Kloster liegt etwas außerhalb.
Neben der rekonstruierten bzw. neu aufgebauten historischen Gebäuden findet man hier noch selbstverständlich Relikte aus der Sowjetzeit – zwei Lenin-Denkmale, Straßennamen wie „Oktoberstraße“ zu Ehren der Oktoberrevolution, oder „Kommunistische Straße“.
Hier sitzt die Bezirksverwaltung:

Auf dem Franzysk-Skaryna-Prospekt sieht man noch einige moderne Denkmale, wie zum Beispiel, das Denkmal Polazk – das geographische Zentrum Europas“ (eins von mehreren, denn Europa ist nicht rund 😉 ). Das Schiff oben mit drei Masten und Segeln ist ein Teil des Stadtwappens:

Bei der Erkundung der Stadt hat uns Stadtführerin Nina Kukuts begleitet, die ich wärmstens empfehlen kann:
https://www.holiday.by/by/gid/222-Kukuts
Ihre Web-Seite ist zwar in Russisch, aber Nina spricht hervorragend Deutsch, und die Telefonnummer kann man ja auch so erkennen 😉 .

Diesen Beitrag möchte ich mit dem Denkmal beschließen, das dem belarussischen Buchstaben ў  (kurzes „u“) gewidmet ist :

In belarussischer Sprache findet man andere Buchstaben und auch andere Grammatik, als in Russisch. Die Sprachen sind schon ähnlich, dennoch ist Belarussisch kein Dialekt, sondern eine eigenständige Sprache. Sie ist für mich der Inbegriff der Heimat, obwohl ich in der Schule Belarussisch mehr oder weniger als Fremdsprache gelernt habe und leider diese wunderschöne Sprache nicht würklich spreche, doch fühle ich mich sofort Zuhause, wenn ich sie höre. Da höre ich immer meine Großmutter, die noch richtig Belarussisch gesprochen hat, so wie ihre Eltern und Großeltern, die Vorfahren meiner Kinder 🙂 .

Über die Sprache, das 20. Jahrhundert und unsere Spurensuche in Belarus Berichte ich später.

Hier folgt noch ein Link mit einem sehr schönen Animationsfilm  über die belarussische Geschichte mit Untertiteln in Englisch:

http://budzma.org/uncategorized/budzma-belarusans.html

2 Kommentare

  1. Liebe Tanja, draußen stürmt es und so habe ich in aller Ruhe die Geschichte von Polazk gelesen, hast du sehr gut geschrieben und durch die persönlichen Fotos und Erlebnisse wird es lebendig!!
    Liebe Grüße
    Renate

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